Artikel uit de Wiener Zeitung van 23-10-1998:

Vom Meereshafen zur Kuhweide


Schokland, eine Insel in der trockengelegten Zuidersee

Von Thomas Veser

Als die Welt ein halbes Jahrtausend jünger war, hatten selbst alltägliche Begebenheiten im Leben der Menschen noch viel schärfer umrissene äußere Formen als heute. Die allwöchentliche Rückkehr der Fischer von Schokland etwa war damals eine wichtige Zeremonie, an der sich alle Frauen der Nordseeinsel beteiligten. Immer freitags eilten sie zu der "Havenhoofden" genannten Holzmole und erwarteten auf der Brüstung mit wachsender Ungeduld, bisweilen Angst, die Rückkehr ihrer Männer. Eine ganze Woche hatten die Fischer wieder in der Zuiderseebucht zugebracht; ob der Fang wohl ausreicht, um die Familie über die Runden zu bringen? Und werden alle Männer, die sich an Bord der flachen, "Skuuten" · Segelkähne mit geraden Kielen · in die unberechenbaren Gewässer der weiten Bucht herausgewagt hatten, auch diesmal wohlbehalten im Hafenbecken von Oud Emmeloord eintreffen? Heute erstreckt sich hinter der Einfahrt zum Hafen eine Wiese, eingezäunt von den hölzernen Pieranlagen, die in den letzten Jahren orginalgetreu rekonstruiert wurden.
Der sichere Hafen, in dem die Schokker vor Anker gingen, dient jetzt friedlich grasenden Kühen der Lakenvelder-Rasse als Weideplatz, in dessen Mitte ein kleiner Teich liegt. Sorgfältig mit Muschelkies gestreute Wege führen direkt zur Mole: Anstelle der Zuidersee (ihr innerer Teil heißt seit der Abdeichung 1932 IJsselmeer), erblickt der Besucher nichts als Ackerland, das die Schöpfer des Nordostpolders akribisch in rechteckige Parzellen entlang schnurgerader Allen eingeteilt hatten.
Seit 1942, als das letzte IJsselmeerwasser aus dem eingedeichten Marschland 4 m unter dem Meeresspiegel abgepumpt war, ist das etwa 110 ha große Schokland keine Insel mehr: Der langezogene Hügel verschmolz mit der umgebenden Landwirtschaftsfläche, die dem Meer in jahrzehntelanger Arbeit abgetrotzt wurde. Das ganze Gebiet liegt im Herzen von Flevoland, das 1986 zur zwölften Provinz der Niederlande erklärt wurde.
Daß der leicht erhöht liegende Ort mit seinen Ruinen, Holzhäusern und den von Wind und Wetter gezeichneten Bäumen eine besondere Geschichte besaß, wußte zwar auch der Bauer William Vercraeye (44), der auf seinen nahegelegenen Feldern Zuckerrüben, Zwiebeln und Kartoffeln anpflanzt. Immer wieder war Vercraeye beim Umpflügen auf alte Tonpfeifen, Keramikscherben und Werkzeuge gestoßen: "Jahrelang habe ich auf diesem Gebiet gearbeitet, ohne so recht zu wissen, was darunter liegt." Weil er die Geschichte nicht genau kannte, habe er Besucher, die ihm auf der Durchreise Fragen über Schokland stellten, in das Museum auf der einstigen Insel geschickt.
Als er er sich selbst intensiver auf die Geschichte eingelassen hatte, "fühlte ich mit der Zeit, daß Schokland auch mit meinen eigenen Wurzeln zu tun hat", berichtet der Landwirt. Weltkulturerbe Schokland, das die UNESCO auf die niederländische Weltkulturerbe-Liste gesetzt hat, ist eine kulturhistorische Landschaft, um deren Erhalt sich seit einigen Jahren auch die Stiftung "Flevolandschap" kümmert. Hatte sich bis zur Trockenlegung des eingedeichten Marschlandes kaum jemand an der aufgegebenen Insel Interesse gezeigt, ließen die Behörden in der Nachkriegszeit rund um die erhaltene Kirche von Middelbuurt im Zentrum Schoklands nach zeitgenössischen Darstellungen hölzerne Wohnhäuser rekonstruieren. Die mit roten Ziegeln gedeckten Gebäude, deren Holzfassaden schwarz und weiß gestrichen sind, dienen mit dem reformierten Gotteshaus als Museum, auch Boutique und Restaurant wurden eingerichtet.
Daß man noch im hohen Mittelalter auf der kleinen Insel nicht schlecht lebte, verdeutlichen die mit Stickereien aus den Werkstätten der Insel verzierten Trachten der Schokker-Frauen. Die Wohlhabendsten der Gemeinschaft konnten sich während der Blütezeit auch wertvollen Goldschmuck leisten. Jahrhundertelang erhielten die Inselbewohner für das Durchfahrtsrecht von den Warenschiffen, die über die Zuidersee nach Amsterdam gelangten, das Ensergeld, eine Mautgebühr. Schiffe, die ihrer Größe wegen nicht durch die stellenweise kaum mehr als 9 m tiefen Gewässer der Bucht fahren konnten, luden am Inselhafen die Fracht auf die typischen Schokker-Kähne, die sie zum Hanseort Kampen, bis in das 17. Jahrhundert hinein wichtigste Hafenstadt in diesem Teil Hollands, weitertransportierten. Bei Sturm bot die Ostseite Schoklands sichere Ankerplätze.
Als Amsterdam während des Goldenen Zeitalters um 1660 zum wichtigsten Hafen aufstieg, begann Schoklands Stern zu verblassen. Mit dem Bau des Nordseekanals, der Amsterdam Zugang zur Nordsee verschaffte, verarmten die rund 700 Schokker im vorigen Jahrhundert vollends. Um die Insel gegen die häufigen Sturmfluten mit Deichen und Hafenbefestigungen zu sichern, mußten die Bewohner aller Provinzen des Königreichs in die Tasche greifen. Bald waren die meisten Schokker von der Mildtätigkeit ihrer Landsleute auf dem Festland abhängig. Als einziger Wirtschaftszweig hielt sich Anfang des vorigen Jahrhunderts die Verfertigung von Heizmaterial aus Kuhmist und Riedgras. Die Torfvorräte des an vielen Stellen morastigen Inselbodens waren damals schon lange aufgebraucht. Und mit den kümmerlichen Ergebnissen der Fischerei konnte sich damals keine Familie mehr über Wasser halten.
Weil die Insel durch den Torfabbau und Grundwasserentnahme Jahr für Jahr ein Stück tiefer sank, mußten die Schokker ihre Holzhäuser auf höher liegenden Teilen anlegen. Anhaltende Sturmfluten ließen die bewohnbare Fläche fortwährend schrumpfen. Dann beschlossen die Behörden, die Insel, deren Schutz immer kostspieliger geworden war, aus Sicherheitsgründen aufzugeben und sämtliche Bewohner auf das Festland umzusiedeln. Da sich die eigenwilligen Bewohner weigerten, zwangen sie bewaffnete Gendarmen, ihre Häuser eigenhändig abzubrechen, damit sie nach der Zwangsumsiedlung nicht wieder zurückkehren konnten. Während die 1834 vollendete Kirche der Protestanten auf dem Hügel von Middelbuurt und der für den Schiffsverkehr wichtige Leuchtturm nicht angetastet wurden, zerlegte man das katholische Gotteshaus in seine Einzelteile und baute es in Ommen (Gelderland) wieder auf. Für die Katholiken waren die Städte Volendamm und Vollenhoven vorgesehen, die reformierten Schokker sollten in Kampen wohnen. Wie man den Kampener Ratsprotokollen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts entnehmen kann, löste ihre Ankunft keinen Begeisterungssturm aus. "Mit Argwohn nehmen wir Kenntnis von der Tatsache, daß Kampen Auffanglager für Schokker werden soll", hielt der Ratsschreiber damals fest.
In der Tat eilte den ärmlichen und schlecht gekleideten Inselbewohnern ein übler Ruf voraus. Von den Städtern als "streitsüchtige und Trunksucht verfallene Barbaren" eingestuft, löste ihre Ankunft bei den Pastoren auf dem Festland brennende Sorge um das Seelenheil ihrer Schutzbefohlenen aus, galten die Schokker doch zudem als abergläubisch und geborene Lügner. Mehr geduldet als akzeptiert, richteten sich die Vertriebenen in ihren zugewiesenen Wohnorten ein und hielten sich lange Zeit betont im Hintergrund. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Nachfahren der alten Schokker den Mut fanden, die erste Vereinigung zu gründen. Dieser Zusammenschluß, dessen Mitglieder üblicherweise die typischen Inselnamen Broodbakker, Diender oder Klappe tragen, sitzt noch heute im entfernten Groningen, gibt eine eigene Zeitschrift heraus und bemüht sich, das "Schokker-Gefühl" auch 150 Jahre nach der Vertreibung wachzuhalten. Einmal im Jahr treffen sich ihre Angehörigen auf Schokland, um einen Tag lang bei einer zünftigen Schokker-Mahlzeit mit dem inseltypischen Gewürzkuchen "Schokkermop" die alten Zeiten zu beschwören.

Ein historisches Unrecht
Spricht man den pensionierten Schiffsmaler Nico Klappe (75), dessen Urgroßvater noch auf Schokland lebte, auf die Vertreibung an, verliert der sonst abgeklärt wirkende Kampener schon nach kurzer Zeit seine Fassung; jahrhundertelang hätten die Bewohner ihr Bestes gegeben, um die wilde Sumpflandschaft der Nordseeinsel bewohnbar zu machen. "Die Vertreibung ist historisches Unrecht, das die Schokker und ihre Nachfahren um ihre Heimat und ihre große Geschichte gebracht hat", klagt Nico Klappe, dessen Wohnzimmer mit einer Vielzahl historischer Darstellungen und Schokker-Bootmodellen wie ein Privatmuseum wirkt. "Immerhin wird heute offen darüber geredet", fügt er hinzu. "Ich fühle noch heute, daß meine Urgroßeltern dort gelebt haben; die Schokker, die über das ganze Land verteilt wurden, blieben eine Gemeinschaft, die sich nirgends richtig integriert hat", bekräftigt Nico Klappe. Allerdings stirbt diese Gemeinschaft allmählich aus.
Seit dem vorigen Jahrhundert Ausdruck für eine ärmliche Existenz im Kampf gegen zerstörerische Naturgewalten, wird das "Schokker-Gefühl" in jüngerer Zeit spürbar positiver bewertet: Auf einer Gedenktafel, von den Behörden der besetzten Niederlande 1941 am Hafen von Oud Emmeloord angebracht, werden die Insulaner als beispielhaft für "Gottvertrauen, Bodenverbundenheit und Mut im typischen Kampf der Holländer gegen das Meer" verklärt. Und am Südpunkt der Insel, Standort zweier zerfallener Kirchen aus dem Spätmittelalter und eines jüngeren Steinturms mit Warnfeuer für vorbeifahrenden Schiffe, kleidete man die Standhaftigkeit der Schokker in wahrhaft poetische Worte: "Wo der Besucher heute im Sommer kaum mehr als das melodische Trillern der Feldlerchen vernimmt, boten sie einst "heulenden Stürmen und wütenden Nordseewellen, die sich mit lautem Krachen am Ufer brachen, unverdrossen die Stirn, vor sich nur Wasser, so weit das Auge reichte." Tagesausflüge und Folklore
Als kulturhistorische Landschaft erinnert Schokland an eine in sich geschlossene Gesellschaft, wie sie auch für weitere, im Laufe der Zeit untergegangene Inseln an der Küste der früheren Zuidersee typisch war. Seit der Ort auf der UNESCO-Welterbeliste steht, bemühen sich Archäologen verstärkt, die noch im Lehm- und Torfboden verborgenen Zeugnisse früherer Besiedelungen freizulegen. Landwirt William Vercraeye gründete in seinem Enser Bauernhof vor drei Jahren ein "Arrangementenbureau", das Besuchern kulturhistorische Tagesausflüge anbietet und auf Anfrage Folkloreabende mit den alten Schokkertrachten arrangiert. Einen für die kleine Insel schädlichen Massentourismus will Vercraeye auf jeden Fall vermeiden, und wer den Weg nach Schokland findet, soll das nach Vercraeyes Willen auf dem Sattel seines Fahrrads, Übernachtungsmöglichkeiten bieten einzelne Landwirte auf ihren Höfen an. Die Sorge vor einem touristischen Andrang ist wohl ebenso unbegründet wie die damalige Furcht der Behörden, Schokland werde bald ganz im Meer verschwinden. Seit der Zwangsevakuierung und der völligen Trockenlegung des Poldergebiets ist Schokland nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht 1 m tiefer gesunken.